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Industrial AI und Software-Defined Manufacturing: Europas Chance auf ein Comeback
Die industrielle Transformation befindet sich weltweit in einer neuen Phase: Während die DACH-Region lange als Vorreiter von Industrie 4.0 galt, verändert sich der globale Wettbewerb derzeit mit hoher Geschwindigkeit. Neben den USA und China investieren auch europäische Industrieunternehmen verstärkt in Künstliche Intelligenz, datengetriebene Produktion und Software-Defined Manufacturing (SDM).
Gerade Europa verfügt weiterhin über starke industrielle Grundlagen, tiefes Engineering-Know-how und hohe Qualitätsstandards in der Produktion. Gleichzeitig stehen viele Unternehmen vor der Aufgabe, gewachsene IT- und OT-Strukturen zu modernisieren und ihre Produktionsumgebungen konsequent daten- und softwareorientiert weiterzuentwickeln. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Europa den Anschluss halten kann – sondern wie schnell Unternehmen ihre bestehenden Stärken mit modernen Software-, Daten- und KI-Architekturen verbinden.
Im Interview spricht Dr. Walter Heibey, Partner bei der Management- und IT-Beratung MHP, über die Herausforderungen der DACH-Industrie im internationalen Wettbewerb, die Bedeutung moderner Daten- und Softwarearchitekturen sowie die entscheidenden Hebel, mit denen europäische Hersteller ihre Wettbewerbsfähigkeit im Zeitalter von KI und softwaredefinierter Produktion nachhaltig stärken können.
Warum verliert die DACH-Region bei Industrie 4.0 aktuell an Tempo gegenüber China und den USA?
Dr. Walter Heibey: Die DACH-Region gehörte zu den ersten Vorreitern von Industrie 4.0 und hat früh stark in digitale Produktionsprozesse investiert. Genau dieser Vorsprung wird heute jedoch teilweise zum Nachteil: Viele Industrieunternehmen arbeiten inzwischen mit hochkomplexen IT- und OT-Landschaften, die über Jahre gewachsen sind und nur begrenzt kompatibel sind. Diese fragmentierten Systemarchitekturen erschweren die Einführung neuer Technologien wie Künstlicher Intelligenz und Software-Defined Manufacturing (SDM). Während Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz häufig weiterhin auf Effizienzsteigerung und inkrementelle Optimierung fokussiert sind, konnten die USA stärker softwarezentrierte Plattformen etablieren. China wiederum profitierte davon, später in modernere Technologien investieren zu können. Das Ergebnis: Unternehmen in anderen Regionen können KI, Datenplattformen und softwarebasierte Produktionsmodelle schneller skalieren als viele Unternehmen in der DACH-Region.
Warum gilt China derzeit als Vorreiter im Bereich Software-Defined Manufacturing?
Heibey: China kombiniert drei entscheidende Faktoren besonders konsequent: Skalierung, Geschwindigkeit und strategische Koordination. Die industrielle Modernisierung wird dort häufig durch nationale Prioritäten und groß angelegte Investitionsprogramme unterstützt. Viele chinesische Industrieunternehmen entwickeln ihre Produktionsumgebungen von Beginn an mit einem softwareorientierten Ansatz. Dadurch entstehen weniger Altlasten aus historisch gewachsenen Systemlandschaften. Daten, Plattformen und Automatisierungstechnologien lassen sich deutlich konsistenter integrieren. Software-Defined Manufacturing schafft dabei die Grundlage für datengetriebene Produktion und den produktiven Einsatz von KI. Besonders entscheidend ist die Fähigkeit chinesischer Unternehmen, neue Lösungen schnell über mehrere Werke hinweg auszurollen und effizient zu skalieren.
Warum fällt es vielen deutschen Industrieunternehmen schwer, KI erfolgreich in der Produktion einzusetzen?
Heibey: Das zentrale Problem liegt meist nicht im fehlenden Interesse an KI, sondern in der bestehenden Daten- und Systemarchitektur. Künstliche Intelligenz benötigt hochwertige, integrierte und in Echtzeit verfügbare Daten. In vielen Produktionsumgebungen deutscher Industrieunternehmen sind diese Daten jedoch über unterschiedliche Systeme verteilt. Dadurch stoßen KI-Anwendungen schnell an Grenzen. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen KI weiterhin über isolierte Pilotprojekte testen. Ohne eine skalierbare Architektur und eine enge Integration in die Produktionsprozesse bleiben messbare Produktivitätsgewinne oft aus. Ein weiterer Faktor ist die Unternehmenskultur: Deutsche Industrieunternehmen setzen traditionell stark auf Stabilität, Qualität und Risikominimierung. Diese Stärke kann bei der Einführung neuer Technologien allerdings auch zu langsameren Entscheidungs- und Innovationsprozessen führen.
Welche Schritte müssen DACH-Unternehmen jetzt gehen, um bei KI und digitaler Produktion aufzuholen?
Heibey: Um international wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Industrieunternehmen in der DACH-Region vor allem vier zentrale Handlungsfelder adressieren. Erstens müssen bestehende technische Altlasten reduziert werden – insbesondere durch modernisierte IT- und OT-Architekturen sowie eine bessere Datenintegration. Zweitens reicht es nicht mehr aus, einzelne KI-Pilotprojekte zu testen. Unternehmen benötigen eine skalierbare Systemarchitektur, in denen Software- und KI-Funktionen direkt in die Produktionssysteme eingebunden werden. Drittens braucht es höhere Investitionsbereitschaft und einen stärkeren Fokus auf langfristigen Kompetenzaufbau statt ausschließlich kurzfristiger Effizienzsteigerungen. Viertens müssen organisatorische Fähigkeiten weiterentwickelt werden – etwa durch neue digitale Kompetenzen, schnellere Entscheidungswege und eine engere Zusammenarbeit zwischen IT und Produktion: die Digitale Fabrik ist eine Gesamtverantwortung des Unternehmens.
Welche Rolle spielt Software-Defined Manufacturing für die Zukunft der Industrie?
Heibey: Software-Defined Manufacturing entwickelt sich zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor für die industrielle Produktion der nächsten Jahre. Der Ansatz verbindet Software, Daten und Fertigungsprozesse zu einem integrierten Gesamtsystem. Dadurch können Unternehmen Produktionsprozesse flexibler steuern, KI-Anwendungen schneller integrieren und neue Technologien effizienter skalieren. Die industrielle Wettbewerbsfähigkeit wird künftig nicht mehr allein von Hardware-Qualität oder Maschinenperformance bestimmt. Entscheidend wird vielmehr sein, wie gut Unternehmen Software, Datenplattformen und operative Produktion miteinander verknüpfen können. Gerade hier besitzen viele DACH-Unternehmen weiterhin große Potenziale – insbesondere aufgrund ihrer starken Ingenieurskompetenz und ihrer hohen Prozessqualität. Wenn diese Stärken mit modernen Software- und Datenarchitekturen kombiniert werden, kann die DACH-Industrie ihre Position im globalen Wettbewerb wieder deutlich stärken.
Über Dr. Walter Heibey, Partner bei der Management- und IT-Beratung MHP
Dr. Walter Heibey ist spezialisiert auf die digitale Transformation industrieller Produktionsumgebungen. Sein Fokus liegt auf der Identifikation und Umsetzung praxisnaher Shopfloor-Lösungen. Dabei unterstützt er Unternehmen dabei, echte Innovationen von kurzfristigen Technologietrends zu unterscheiden und erfolgreiche End-to-End-Transformationen im Kontext von Industrie 4.0 und Software-Defined Manufacturing umzusetzen.
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