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KI-Agenten – „Der CEO wird nicht ersetzt – aber seine Wirkung wird skalierbar“
Kann eine KI denken wie ein CEO? Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction klang, wird heute in Unternehmen Realität. Digitale Zwillinge von Führungskräften sollen Wissen skalierbar machen, Entscheidungen vorbereiten und Teams unterstützen. Doch wo liegen die Grenzen dieser Technologie – und welche Chancen eröffnet sie? Darüber hat Benjamin Brodbeck, Leiter der Externen Kommunikation bei MHP, mit Florian Langer, Partner bei MHP, gesprochen.
Benjamin Brodbeck: Florian, aktuell sprechen alle über KI-Agenten. Aber sind wir ehrlich: Ist das nicht einfach ChatGPT mit einem neuen Namen?
Florian Langer: Die Frage höre ich oft, und ich verstehe sie. Aber der Unterschied ist fundamental. Ein Sprachmodell beantwortet Fragen – das kann es hervorragend. Ein Agent erledigt Aufgaben. Er kennt den Kontext eines Unternehmens, greift auf die richtigen Wissensquellen und Systeme zu, arbeitet innerhalb klar definierter Regeln und führt Prozesse eigenständig aus. Ein konkretes Beispiel: Du kannst ChatGPT fragen, wie eine gute Entscheidungsvorlage aussieht. Ein Agent erstellt sie – über Nacht, auf Basis der aktuellen Zahlen, in der Logik, die im jeweiligen Unternehmen gilt, und legt sie morgens vor. Das ist der Sprung von der Antwort zur Arbeit. Und genau dieser Sprung wird verändern, wie Unternehmen Wissen nutzen und Entscheidungen vorbereiten.
Benjamin Brodbeck: MHP – Dein Team – hat kürzlich für eine Führungskraft einen Digital Twin entwickelt. Was genau versteht man darunter?
Florian Langer: Zunächst, was er nicht ist: kein Chatbot mit meinem Namen und einem freundlichen Avatar. Ein Digital Twin einer Führungskraft macht drei Dinge digital verfügbar – fachliches Wissen, Entscheidungslogiken und Kommunikationsmuster. Das System lernt, wie diese Person Themen bewertet, Prioritäten setzt und Entscheidungen vorbereitet. Damit kann der Twin Analysen erstellen, Szenarien bewerten oder Kommunikation vorbereiten – jederzeit und in einer Geschwindigkeit, die kein Kalender der Welt hergibt. Genauso wichtig ist mir die ehrliche Grenze: Der Twin bildet keine Persönlichkeit ab. Er hat keine Intuition, keine Erfahrung aus dreißig Jahren Berufsleben, kein Bauchgefühl in der entscheidenden Verhandlung. Was er kann: einen großen Teil des verfügbaren Wissens und der etablierten Denkweise zugänglich machen, wenn ich gerade nicht im Raum bin. Das ist viel – aber es ist nicht alles. Und das sollte man auch nicht versprechen.
Benjamin Brodbeck: Viele würden argumentieren, dass gerade Führungskräfte und CEOs unersetzbar sein sollten. Widerspricht ein Digital Twin diesem Gedanken nicht?
Florian Langer: Im Gegenteil – er legt offen, worin Führung wirklich besteht. Wenn die Aufgabe einer Führungskraft darin bestünde, Informationen zu verarbeiten und Vorlagen zu erstellen, dann wäre sie tatsächlich ersetzbar. Ist sie aber nicht. Führung heißt: Orientierung geben, Verantwortung übernehmen, Menschen zusammenbringen – gerade dann, wenn die Lage unklar ist. Was in vielen Unternehmen das eigentliche Problem ist: Wertvolles Erfahrungswissen hängt an einzelnen Köpfen. Wenn diese Person im Urlaub ist, in einem anderen Termin sitzt oder das Unternehmen verlässt, ist das Wissen weg oder blockiert. Ein Twin löst genau das. Teams kommen schneller an fundierte Einschätzungen, Entscheidungen werden besser vorbereitet, ohne dass die Führungskraft permanent eingebunden sein muss. Der Twin ersetzt also nicht die Führungskraft. Er erweitert ihre Reichweite. Und ehrlich gesagt: Er schenkt ihr Zeit für das, was nur sie kann.
Benjamin Brodbeck: Viele stellen sich einen Digital Twin vermutlich wie ein Softwareprojekt vor: Man entwickelt ihn einmal und dann läuft er. Tatsächlich hört man immer wieder, dass die eigentliche Arbeit erst danach beginnt. Wie viel Pflege und Weiterentwicklung braucht ein Digital Twin – und wo entsteht der eigentliche Mehrwert?
Florian Langer: Das ist vielleicht das größte Missverständnis überhaupt. Ein Digital Twin ist kein Produkt, das man einmal baut und dann in Betrieb nimmt. Er funktioniert genau wie wir Menschen auch: Er muss kontinuierlich weiterlernen. Und das Entscheidende ist – dieses Lernen läuft in beide Richtungen. Ich erlebe das bei meinem eigenen Twin. Es gibt einen ständigen Austausch zwischen uns. Ich gebe ihm Aufgaben, die er für mich übernehmen und beherrschen soll – etwa ein neues Themenfeld aufzubereiten oder ein bestimmtes Format zu erstellen. Aber damit ist es nicht getan. Ich muss seine Ergebnisse auch wirklich kennen. Ich muss sehen, wie er an die Sache herangeht, wo er richtig liegt und wo er danebengreift. Nur so kann ich ihn korrigieren, schärfen, ihm meine Denkweise weitergeben. Und umgekehrt: Wenn er auf etwas stößt, das ich übersehen habe, lerne ich von ihm. Er bringt mir Perspektiven, die ich so nicht auf dem Schirm hatte. Das ist keine Wartung, das ist eine Beziehung. Ein Twin, den ich einmal aufsetze und dann sich selbst überlasse, entfernt sich von mir – er gibt irgendwann Antworten, hinter denen ich nicht mehr stehe. Ein Twin, mit dem ich im laufenden Dialog bleibe, wächst mit mir mit. Wir bleiben sozusagen synchron. Genau deshalb darf man den Aufwand nach dem Aufbau nicht unterschätzen: Die spannende Arbeit beginnt erst, wenn der Twin läuft. Und genau hier entsteht der eigentliche Mehrwert, der oft übersehen wird. Dieser Austausch zwingt mich nämlich, mein eigenes implizites Wissen explizit zu machen. Wenn ich dem Twin erklären muss, warum ich etwas so und nicht anders entscheide, merke ich manchmal selbst zum ersten Mal, was eigentlich dahintersteht. Manchmal gibt es einen guten Grund. Manchmal stellt sich heraus, dass eine Gewohnheit dahintersteckt, die ich längst hätte hinterfragen sollen. Der Twin wird so zum Spiegel – nicht nur meines Wissens, sondern meiner Denkweise. Der größte Nutzen liegt am Ende nicht darin, dass die Maschine schneller antwortet. Sondern darin, dass ich selbst klarer werde.
Benjamin Brodbeck: Welche konkreten Vorteile siehst Du für Unternehmen?
Florian Langer: Der größte Hebel liegt in Geschwindigkeit und Skalierbarkeit. Die meisten Unternehmen haben kein Wissensproblem – sie haben ein Zugriffsproblem. Das Wissen existiert, aber es steckt in Laufwerken, Präsentationen und vor allem in Köpfen. Ein Digital Twin macht es abrufbar, genau dann, wenn es gebraucht wird. Denke an ein Onboarding: Eine neue Kollegin oder ein neuer Kollege kann dem Twin in der ersten Woche hundert Fragen stellen, die sie einer Vorständin oder einem Vorstand nie stellen würden – und bekommen fundierte Antworten in Sekunden statt in Wochen. Oder an Projektarbeit: Ein Team kann nachts um 11 Uhr prüfen, wie eine bestimmte Entscheidung in der etablierten Logik des Hauses bewertet würde, bevor es morgens präsentiert. Langfristig verändert das den Umgang mit Wissen grundsätzlich: weg vom Dokumentieren und Ablegen, hin zum aktiven Nutzen.
Benjamin Brodbeck: Wo liegen die Risiken?
Florian Langer: Drei Dinge müssen geklärt sein, bevor man startet – nicht danach. Erstens Transparenz: Es muss jederzeit nachvollziehbar sein, auf welcher Datengrundlage eine Empfehlung entstanden ist. Eine Blackbox, die im Namen einer Führungskraft spricht, ist ein Risiko, kein Werkzeug. Zweitens Verantwortung: Der Twin bereitet vor, er entscheidet nie. Wer trägt am Ende die Verantwortung? Immer ein Mensch. Diese Linie darf nicht verschwimmen – auch nicht schleichend, wenn die Empfehlungen über Monate gut waren. Drittens Vertrauen: Mitarbeitende müssen verstehen, wie das System funktioniert, was es kann und was nicht. Technologie, der man misstraut, wird umgangen – und dann entfaltet sie keinen Wert, egal wie gut sie ist. Deshalb ist die Einführung eines Twins am Ende weniger ein Technologieprojekt als ein Veränderungsprojekt.
Benjamin Brodbeck: Wenn Berater ihre eigenen Digital Twins an Kunden weitergeben, dann wenden sich diese bei Fragen künftig an den digitalen Zwilling statt an den Berater selbst. Schafft sich die Beratungsbranche damit nicht langfristig selbst ab?
Florian Langer: Ein Teil von ihr – ja. Und ich sage das bewusst so deutlich: Wer Beratung als Weitergabe von Wissen versteht, das der Kunde selbst nicht hat, wird unter Druck geraten. Dieses Geschäftsmodell erodiert, mit oder ohne unsere Twins. Da brauchen wir uns als Branche nichts vorzumachen. Aber das ist nicht das Ende der Beratung, sondern ihre Bereinigung. Der eigentliche Wert entsteht dort, wo es noch keine Antwort gibt: bei neuen Fragestellungen, bei widersprüchlichen Interessen, bei Entscheidungen unter Unsicherheit. Dafür braucht es Erfahrung, Kreativität, Kontextverständnis – und den persönlichen Austausch, in dem Vertrauen entsteht. Ein Digital Twin übernimmt die wiederkehrenden Fragen und macht bestehendes Wissen rund um die Uhr verfügbar. Der Kunde kommt schneller an Antworten, der Berater gewinnt Zeit für die Themen, die wirklich Mehrwert schaffen: Strategie, Innovation, Transformation. Wer Beratung so versteht, wird durch diese Technologie nicht schwächer, sondern stärker. Die anderen sollten sich Sorgen machen – und zwar zu Recht.
Benjamin Brodbeck: Wenn Du fünf Jahre in die Zukunft blickst: Werden Digital Twins dann zum Standard gehören?
Florian Langer: Davon bin ich überzeugt. Heute diskutieren wir noch, ob Unternehmen solche Systeme einsetzen sollten. In fünf Jahren lautet die Frage: Warum habt ihr so spät angefangen? Wir stehen an einem ähnlichen Punkt wie bei der Cloud vor 15 Jahren. Damals galt sie vielen als Sicherheitsrisiko, heute fragt niemand mehr danach – sie ist selbstverständliche Infrastruktur. Den gleichen Weg werden Digital Twins gehen, nur schneller, weil sich die Technologie in Monaten weiterentwickelt, nicht in Jahren. Die Unternehmen, die jetzt Erfahrungen sammeln, lernen nicht nur die Technologie. Sie lernen, wie sich ihre Organisation verändert, wenn Wissen plötzlich keine Engstelle mehr ist. Dieser Vorsprung lässt sich später nicht einfach einkaufen. Mein Rat ist deshalb derselbe, den ich auch meinen eigenen Teams gebe: lieber früh anfangen und unterwegs lernen, als perfekt vorbereitet zu spät kommen.
Ein Hinweis zum Schluss, der am Anfang bewusst nicht erwähnt wurde: Dieses Interview wurde nicht mit Florian Langer persönlich geführt. Die Antworten stammen von seinem Digital Twin – entwickelt von MHP auf Basis seiner fachlichen Perspektiven, Entscheidungslogiken und Kommunikationsmuster. Florian Langer hat die Antworten vor Veröffentlichung gelesen und freigegeben. Vielleicht ist das die spannendste Erkenntnis dieses Gesprächs: Die Zukunft von Führung ist näher, als viele denken.
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