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  • Impulse
  • Veröffentlicht am: 27.04.2026

Der Mittelstand als Rückgrat der Defense Readiness

Warum die Rollen in Verteidigungs-Lieferketten gerade neu verteilt werden

Neue Verteidigungslogik, neue Chancen für den Mittelstand

Rund 70 Prozent aller Bundeswehr-Aufträge nach Anzahl gehen laut Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) an den Mittelstand. Gleichzeitig haben insbesondere mittelständische Unternehmen kaum Einblick, wie Bedarfe im Verteidigungssystem entstehen, welche Lieferketten gerade aufgebaut und nach welchen Kriterien Partnernetzwerke zusammengesetzt werden. Auch umgekehrt können Bedarfsträger die vielen im Verteidigungssystem bereits vorhandenen industriellen Fähigkeiten oft nur schwer erkennen und einordnen. Ursache sind fehlende Transparenzmechanismen innerhalb eines Systems, das die zunehmende Dringlichkeit bei der Beschaffung und den stetigen Anstieg an Marktteilnehmern bewältigen muss.

Die gegenseitige Intransparenz stellt besonders beim aktuellen Ausbau von Defense-Lieferketten ein Hindernis dar. Der Grund für den Umbau: Industrielle Versorgungs- und Produktionsstrukturen müssen künftig unter Krisen- und Verteidigungsbedingungen funktionieren. Resilienz wird zum Konstruktionsprinzip neuer Partnerschaften.

Teilhabe am Defense-Ökosystem funktioniert anders als klassischer Marktzugang. Bedarfe entstehen auf strategischer, operativer und logistischer Ebene parallel und in Wechselwirkung. Zudem durchlaufen sie mehrere Übersetzungsschichten, bevor sie als Anforderung in der Industrie ankommen.

Jetzt, wo sich die Defense-Lieferketten weiterentwickeln, entscheidet sich auch Teilhabe zunehmend neu. Strategische Sichtbarkeit wird zum entscheidenden Faktor.  

Die zentrale Frage lautet deshalb: Wie kommt ein Unternehmen in den Blick der Akteure, die diese Strukturen gerade aufbauen?

Der Mittelstand als Schlüsselakteur neuer industrieller Netzwerke

Investitionsboom schafft Wachstum und neue Lieferketten

Die sicherheitspolitische Lage verändert Prioritäten und industrielle Strukturen. Investitionen steigen deutlich und schaffen die Voraussetzung für den Aufbau neuer Lieferketten aktiv voran.

Der Mittelstand als systemrelevantes Rückgrat

Der Mittelstand ist bereits heute ein tragender Teil der verteidigungsindustriellen Wertschöpfung. Die Zulieferbasis der KMU ist systemrelevant für die Skalierungs- und Lieferfähigkeit der großen Rüstungshersteller. 

Vernetzte Strukturen der Verteidigungsfähigkeit

Die aktuelle Studie „Logistische Drehscheibe Deutschland“ der Quadriga Hochschule Berlin, BwConsulting und MHP analysiert die Zusammenarbeit zwischen militärischen und privatwirtschaftlichen Akteuren unter realistischen Szenarien.

Verteidigungsfähigkeit entsteht typischerweise nicht isoliert. Sie ist das Ergebnis integrierter zivil-militärischer Wertschöpfungsstrukturen:

  • Organisationen des Bundes, der Länder und Kommunen als Auftraggeber und Rahmengeber
  • Industrie als Leistungsträger
  • Logistik als Rückgrat der Versorgung
  • Digitale Systeme als verbindende Infrastruktur

In dieser Netzwerkstruktur entscheidet sich Teilhabe immer mehr über Anschlussfähigkeit.  

Die Frage für den Mittelstand lautet: An welchen Stellen im System sind meine Fähigkeiten sichtbar und integrierbar?

Vom Effizienzmodell des Friedens zur robusten Readiness-Logik in Krisen

Die Anforderungen an Lieferketten verändern sich je nach Szenario fundamental. Entscheidend ist, diese Logik systematisch zu verstehen.  

Frieden:

  • Effizienz und Kostenoptimierung
  • Planbare Nachfrage und stabile Prozesse

Krise:

  • Ausbau der Lagerbestände
  • Kompensation von unterlassenen bzw. verzögerten Investitionsentscheidungen
  • Transparenz über Kapazitäten
  • Dezentralisierung von Distributionsketten

Verteidigung:

  • Maximale Geschwindigkeit und Skalierbarkeit
  • Hohe Resilienz unter Belastung
  • Befähigung zur langen Durchhaltefähigkeit
  • Effektivität vor Effizienz

Fazit: Im Friedensmodus ist die Rolle des zuverlässigen Lieferanten oft ausreichend. Im Krisenmodus muss ein Unternehmen aktivierbar sein.

Defense Readiness als Chance für den industriellen Mittelstand

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen ergeben sich signifikante Auswirkungen für den industriellen Mittelstand. Dazu gehört auch eine veränderte Logik:

  • von Leistungsfähigkeit zu strategischer Positionierung
  • von Einzelauftrag zu Netzwerkzugang
  • von Reaktion zu vorbereiteter Readiness

Clarity on Capabilities

  • Klare Einordnung der eigenen Leistung im Verteidigungskontext
  • Übersetzung von Produkten in konkrete Funktionen
  • Antwort auf die Frage: Wofür wird das Unternehmen im Krisenfall gebraucht?

Structural Readiness

  • Skalierbarkeit von Produktion und Prozessen
  • Versorgungssicherheit und Robustheit
  • Sicherstellung der regulatorischen Anschlussfähigkeit des Bedarfsträgers, wie etwa bei Vergaberecht, Sicherheitsanforderungen, Zertifizierungen
  • Reaktionsfähigkeit unter Zeitdruck

Ecosystem Connectivity

  • Datenschutz- und sicherheitskonforme Sichtbarkeit in relevanten Netzwerken
  • Definition sicherer Schnittstellen und Formate durch Bedarfsträger aller Ebenen als Voraussetzung für den Zugang zu Systemhäusern, Plattformen und Partnern
  • aktive Positionierung im Ökosystem

Fazit: Die Verteidigungsfähigkeit entsteht zunehmend nicht erst im Moment der Beschaffung, sondern bereits in der industriellen Vorbereitungsphase, in der Bedarfe konkretisiert und übersetzt werden. Für den Mittelstand erfordert dies eine ehrliche Prüfung. Von der Bestandsaufnahme hin zur Bereitschaft, die eigenen Strukturen weiterzuentwickeln und zu vernetzen.  

Praxisbeispiele: Wo aktuell neue Defense-Lieferketten sichtbar werden

SVI Connect:

Die Plattform kann sichtbar machen, wie stark sich Teilhabe heute über Auffindbarkeit und Vernetzung organisiert. Sie adressiert damit genau jene Lücke, an der viele KMU bislang scheitern: fehlende Sichtbarkeit ihrer Fähigkeiten im relevanten System.

  • Rund 1.400 registrierte Unternehmen
  • Mehr als 80 Prozent KMU (BME, SVI Connect Plattform)
  • Ziel: Sichtbarkeit von Fähigkeiten und Aufbau von Netzwerken

Rheinmetall Convoy Support Center:

Rheinmetall erhält 260 Mio. Euro für die Einrichtung von Convoy Support Centern entlang militärischer Verlegeachsen (Quelle: Reuters).

  • Vorhalteverträge sichern Leistungen vor dem konkreten Bedarf
  • Aktivierbarkeit wird zum zentralen Kriterium
  • Verfügbarkeit wird wichtiger als reine Lieferung

Fazit: Readiness als neue industrielle Leitidee

Beide Beispiele zeigen dasselbe Muster: Relevanz entsteht in der Regel vor dem Bedarf. Für den Mittelstand öffnet sich damit ein strategisches Zeitfenster. Jetzt beginnt die Phase, in der Strukturen und Partnerschaften konfiguriert werden.

Neue Spielräume für den Mittelstand: Worauf es jetzt strategisch ankommt

  1. Sichtbarkeit entscheidet zunehmend über Teilhabe
    • Wahrnehmbarkeit im System wird geschäftskritisch
    • Fähigkeiten im Verteidigungsökosystem bekannt und einschätzbar machen
  2. Belastbarkeit wird zum Auswahlkriterium
    • Skalierbarkeit, Robustheit und Aktivierbarkeit unter Druck zählen
    • Verfügbarkeit ergänzt Effizienz als gleichrangige Anforderung
  3. Ökosystemzugang sichert langfristige Relevanz
    • Anschlussfähigkeit frühzeitig sicherstellen
    • Präsenz in Plattformen, Netzwerken und bei Systempartnern aufbauen 

Stellen Sie die Weichen für Teilhabe in Defense-Lieferketten

Dieser Impulse greift zentrale Gedanken unserer Studie „Logistische Drehscheibe Deutschland" auf. Die Lektüre lohnt sich für alle, die tiefer einsteigen möchten. Bei Interesse können Sie die Studie hier herunterladen.

Sie sind bereits davon überzeugt, dass das Thema für Sie relevant ist? Um Handlungsbedarfe zu identifizieren, sollten Sie zunächst die folgenden Fragen beantworten:  

  • Sind Ihre Fähigkeiten im Verteidigungsökosystem sichtbar und einschätzbar?
  • Halten Ihre Strukturen einem Szenario jenseits des Normalbetriebs stand?
  • Sind Sie in den Netzwerken präsent, in denen Lieferketten gerade konfiguriert werden?

MHP begleitet mittelständische Unternehmen bei der strategischen Einordnung ihrer Rolle in neuen Defense-Lieferketten. Lassen Sie uns gerne dazu ins Gespräch kommen. Ich freue mich auf Ihre Nachricht.

John Eisenhauer

Head of Public & Defense

E-Mail: john.eisenhauer(at)mhp.com