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Im Verteidigungsfall sind viele mittelständische Unternehmen nicht ausreichend vorbereitet

MHP und zNT: Erhebung zur Defense Readiness des deutschen Mittelstands

  • Eine Erhebung der MHP Management- und IT-Beratung GmbH und des zNT (zentrum Nachhaltige Transformation) Berlin zeigt deutliche Lücke zwischen Bereitschaft und operativer Leistungsfähigkeit deutscher mittelständischer Unternehmen
  • Nur 3,1 Prozent der befragten Unternehmen erfüllen alle untersuchten Parameter
  • Besonders große Defizite bei Cyber-Resilienz in Logistik und Transport
  • Befragt wurden 1.000 Führungskräfte aus mittelständischen Unternehmen

Ludwigsburg/Berlin – Der deutsche Mittelstand (in dieser Erhebung definiert als Unternehmen mit einem Umsatz zwischen 50 Millionen bis 5 Milliarden Euro) ist grundsätzlich bereit, im Krisen- und Verteidigungsfall Verantwortung zu übernehmen. Doch zwischen dieser Bereitschaft und der tatsächlichen Fähigkeit, kurzfristig belastbare Leistungen bereitzustellen, klafft eine erhebliche Lücke. Das zeigt eine aktuelle Erhebung von MHP und des zNT der Quadriga Hochschule Berlin zur Defense Readiness des deutschen Mittelstands. 86 Prozent der befragten Unternehmen geben an, grundsätzlich Kapazitäten für die Landesverteidigung bereitstellen zu wollen. Gleichzeitig erfüllen aber nur 3,1 Prozent alle in der Untersuchung definierten Grundvoraussetzungen einer umfassenden Defense Readiness. Rund ein Viertel erfüllt keinen der untersuchten Aspekte.

Readiness ist mehr als vorhandene Kapazität

„Die deutsche Wirtschaft ist bereit, Verantwortung zu übernehmen, aber Bereitschaft allein ist noch keine Verteidigungsfähigkeit“, sagt John Eisenhauer, Partner und globaler Sektorleiter für Public & Defense bei MHP. „Im Ernstfall reicht es nicht, dass ein Unternehmen grundsätzlich Kapazitäten hat. Entscheidend ist, ob diese Kapazitäten tatsächlich verfügbar, steuerbar und auch unter Krisenbedingungen aufrechtzuerhalten sind.“

Die Erhebung betrachtet Defense Readiness nicht als einzelne Fähigkeit, sondern als Zusammenspiel von fünf untersuchten Grundlagen: der Bewertung der eigenen Rolle im Verteidigungsfall, der Berücksichtigung relevanter Risiken, der Transparenz über kritische Lieferketten, einem etablierten Business Continuity Management und der Cyber-Resilienz. Diese Grundlagen bilden den analytischen Rahmen der Studie. Sie sollen zeigen, ob Unternehmen zentrale Voraussetzungen dafür geschaffen haben, ihre Leistungen auch unter Krisen- und Verteidigungsbedingungen verlässlich bereitstellen und aufrechterhalten zu können.

Die Ergebnisse machen deutlich, warum die grundsätzliche Bereitschaft eines Unternehmens noch keine Aussage über seine tatsächliche Einsatzfähigkeit zulässt. Ein Unternehmen kann zwar über Produktions- oder Transportkapazitäten verfügen, gleichzeitig aber beispielsweise seine Rolle im Verteidigungsfall nicht definiert haben, kritische Abhängigkeiten nicht ausreichend kennen oder keine ausreichenden Vorkehrungen für einen länger andauernden IT-Ausfall getroffen haben.
 
Erst das Vorhandensein aller genannten Fähigkeiten sowie deren Zusammenspiel machen ein Unternehmen belastbar. Besonders deutlich wird die Lücke beim Blick auf die eigene Rolle: Nur etwa vier von zehn Unternehmen haben ihre mögliche Rolle in einer Verteidigungssituation bereits vollständig identifiziert. Damit fehlt bei einem großen Teil der Wirtschaft eine wichtige Grundlage für eine strukturierte Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen.

Cyber-Resilienz: Achillesferse von Logistik und Transport

Als besonders kritisch zu bewerten sind die Ergebnisse zum Thema Digitale Resilienz: Im Durchschnitt fehlen den befragten Unternehmen 5,5 von neun abgefragten Maßnahmen für eine stabile Cyber-Resilienz. Sehr bedenklich sind die Lücken in den Bereichen Logistik und Transport: Rund 91 Prozent der Logistikunternehmen haben mindestens fünf der neun untersuchten Maßnahmen nicht etabliert. Im Transportwesen trifft dies auf knapp 88 Prozent der Unternehmen zu.

„Ausgerechnet dort, wo Deutschland im Verteidigungsfall besonders auf die Wirtschaft angewiesen wäre, sehen wir erhebliche Lücken bei der digitalen Resilienz“, sagt Prof. Dr. Torsten Oltmanns, Managing Director des zNT Berlin. „Logistik und Transport sind heute hochgradig digital gesteuert. Wenn Disposition, Kommunikation oder zentrale IT-Systeme ausfallen, kann aus einer vorhandenen physischen Kapazität sehr schnell eine nicht nutzbare Kapazität werden.“

Untersucht wurden unter anderem Business Continuity Management, Disaster Recovery, Incident Response, regelmäßige Notfallübungen, Offline-Backups, Netzwerksegmentierung, Multi-Faktor-Authentifizierung, Security Operations bzw. externe Security-Dienstleistungen und kontinuierliches Monitoring. Der Durchschnittswert von 5,5 bedeutet dabei nicht, dass jedem Unternehmen exakt fünfeinhalb Maßnahmen fehlen, sondern beschreibt den Mittelwert über die gesamte Stichprobe.

Selbstbild und operative Realität klaffen auseinander

Ein weiteres Ergebnis der Erhebung ist die Diskrepanz zwischen der subjektiven Einschätzung vieler Unternehmen und den tatsächlich vorhandenen operativen Grundlagen. Unternehmen bewerten ihre eigene Vorbereitung teilweise positiver, als es die erhobenen Indikatoren nahelegen. Besonders relevant wird diese Readiness Gap, wenn mehrere Voraussetzungen gleichzeitig fehlen. „Die größte Lücke liegt zwischen dem positiven Selbstbild vieler Unternehmen und den operativen Voraussetzungen, die im Ernstfall tatsächlich vorhanden sind“, sagt Oltmanns. „Dabei geht es nicht darum, Unternehmen pauschal als unvorbereitet zu bewerten. Es geht darum, sichtbar zu machen, wo aus vorhandenen Fähigkeiten noch keine belastbare Gesamtfähigkeit geworden ist.“

Die Erhebung unterscheidet deshalb bewusst zwischen Bereitschaft und Readiness. Die 86 Prozent beziehen sich auf die grundsätzliche Bereitschaft, Kapazitäten für die Landesverteidigung bereitzustellen. Sie sagen nicht aus, dass 86 Prozent der Unternehmen tatsächlich kurzfristig einsatzbereit wären. Der Defense-Readiness-Wert von 3,1 Prozent wiederum bezeichnet den Anteil der Unternehmen, die alle definierten Grundlagen gleichzeitig erfüllen. Er stellt jedoch kein Ergebnis eines externen Audits oder gar eines objektiven „Kriegsfähigkeitstests“ einzelner Unternehmen dar.

Deutschland muss vorhandene Fähigkeiten vernetzen

Aus Sicht von MHP liegt die zentrale Herausforderung deshalb weniger darin, neue Fähigkeiten zu schaffen, als vorhandene wirtschaftliche Kompetenzen für die gesamtstaatliche Resilienz nutzbar zu machen. Unternehmen verfügen bereits über hochentwickelte Systeme für Supply-Chain-Steuerung, Szenarioplanung, digitale Zwillinge, Krisen- und Business Continuity Management. „Wir haben die Technologien für ein resilientes Versorgungssystem längst – was fehlt, ist ihre Vernetzung“, so Eisenhauer. „Deutschland muss nicht bei null anfangen. Entscheidend ist, bestehende Systeme und Kapazitäten so miteinander zu verbinden, dass staatliche Stellen und Unternehmen im Krisenfall schnell erkennen können, welche Leistungen verfügbar sind, wo Abhängigkeiten bestehen und welche Alternativen zur Verfügung stehen.“

Hier setzt MHP mit dem Konzept der Digitalen Versorgungsdrehscheibe Deutschland an. Ziel ist kein neues zentrales Datensilo, sondern die sichere und interoperable Verbindung bestehender Systeme und Kapazitäten. So sollen privatwirtschaftliche Fähigkeiten im Krisenfall schneller sichtbar, verfügbar und steuerbar werden. Für eine höhere Defense Readiness braucht es aus Sicht von MHP und zNT neben der technischen Vernetzung vor allem klar definierte Rollen, gemeinsame Planung und Übungen, mehr Transparenz über kritische Kapazitäten und Lieferketten sowie verbindliche Schnittstellen zwischen Staat und Wirtschaft.

Die vollständige Analyse und der daraus entwickelte Defense Readiness Index sollen in einer späteren Veröffentlichung detailliert vorgestellt werden.

Methodik und statistische Angaben der vorgestellten Studie

Civey hat für MHP vom 31.07. bis 17.08.2026 insgesamt 1.000 privatwirtschaftliche Entscheiderinnen und Entscheider ab Teamlead-Ebene aus Unternehmen verschiedener Branchen mit einem Jahresumsatz von mindestens 50 Mio. bis max. 5 Milliarden Euro online befragt. Die Ergebnisse unterliegen einem statistischen Fehler von 3,1 Prozentpunkten beim jeweiligen Gesamtergebnis. Civey erhebt Daten mit eigener Technologie unter verifizierten Teilnehmenden.

Die zugrunde liegenden Kriterien bilden ein Bündel von Fähigkeiten ab, dass die Defense Readiness operationalisierbar und messbar macht. Die Auswahl basiert auf den Erfahrungen der Studienpartner in den Bereichen Resilienz, Krisenvorsorge, Lieferkettensteuerung und Cyber-Sicherheit. Aus Sicht der Studienpartner handelt es sich um belastbare Indikatoren für die Fähigkeit von Unternehmen, ihre Leistungen auch unter Krisenbedingungen verfügbar zu machen und aufrechtzuerhalten.

Über das zentrum Nachhaltige Transformation (zNT)

Das zentrum Nachhaltige Transformation (zNT) der Quadriga Hochschule Berlin begleitet Unternehmen, Politik und Gesellschaft bei der Gestaltung nachhaltiger und resilienter Transformationsprozesse. Im Fokus stehen die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, unter denen Transformation gelingen kann – insbesondere das Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft und gesellschaftlichen Akteuren.
 

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