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Europas nächste Grenze: Warum der Mond entscheidend wird
Giuseppe La Marca ist seit dem 1. September 2025 Partner bei MHP. Als Luft- und Raumfahrt-Ingenieur bringt er langjährige Erfahrung im Aerospace-Sektor mit und verantwortet den Bereich Aerospace von MHP mit Fokus auf Digitalisierung, Industrialisierung und Nachhaltigkeit in einer Branche, die sich technologisch und geopolitisch rasant entwickelt.
Schon als Kind faszinierte ihn der Mond. Heute treibt er Initiativen in Europas Raumfahrtunternehmen voran und verbindet Forschung, Industrie und digitale Services zu zukunftsweisenden Projekten. Im Kontext der erfolgreich gestarteten Artemis 2 erklärt er, warum der Mond zur nächsten strategischen Grenze der bemannten Raumfahrt wird – und Europa jetzt handeln muss.
Warum wird der Mond jetzt interessant für die Menschheit?
Giuseppe La Marca: „Der Mond hat die Menschheit schon immer fasziniert und eine starke Anziehungskraft ausgeübt. Er ist aber auch strategisch günstig gelegen, als Erdtrabant in unserer Nähe und als Startpunkt für Deep-Space-Missionen. Der Mond liegt somit nah genug, um regelmäßig Missionen zu starten, und weit genug, um Technologien unter realen Raumfahrtbedingungen zu testen.
Wir beobachten zudem, wie sich der cislunare Raum, also der Weltraum zwischen Erde und Mond, dynamisch schnell verändert: Staaten investieren massiv in Erdbeobachtung, die NASA baut das Artemis-Programm aus, und private Firmen wie ispace oder Astrobotic entwickeln kommerzielle Lander.
Der Wettlauf um Zugang, Infrastruktur und zukünftige Nutzungsmöglichkeiten hat längst begonnen. Wer den Mond erschließt, kann Regeln setzen, Standards definieren und den Kurs für die gesamte Branche bestimmen.“
Welche wirtschaftlichen Chancen bietet der Mond?
La Marca: „Der Mond wird sich zu einem eigenständigen Wirtschaftsraum entwickeln. Infrastruktur, Versorgung, digitale Dienste und Produktion bilden ein zusammenhängendes Ökosystem. Habitat-Module, Energieversorgung, Rover und Transporter bilden die physische Basis. Darauf bauen Services wie Kommunikation, Navigation, Wartung oder Datenanalyse auf.
Besonders spannend ist die digitale Wertschöpfung: Rechenzentren auf dem Mond entlasten den zukünftig überfüllten Erdorbit und liefern kritische Rechenkapazitäten für Missionen im Deep Space sowie Anwendungen auf der Erde. Geschützte Standorte, etwa in Kratern, erhöhen die Ausfallsicherheit und geben Europa die Möglichkeit, Daten- und IT-Infrastruktur unabhängig vom Erdorbit zu betreiben.
Lokale Ressourcen spielen ebenfalls eine Schlüsselrolle: Wasser, Sauerstoff, Metalle, Regolith als Baumaterial und sogar Helium-3 eröffnen langfristige Energieperspektiven. Schritt für Schritt entsteht so ein selbsttragendes Ökosystem, das Forschung, Industrie und digitale Dienste miteinander verbindet.
Experten schätzen das wirtschaftliche Potenzial insgesamt auf mehrere hundert Milliarden bis hin zu einer Billion Euro. Diese Zahlen sind allerdings aktuell noch spekulativ, da viele Anwendungen und Technologien sich erst in der Entwicklung befinden. Sicher ist aber schon jetzt: Wer den Mond erschließt, schafft neue Märkte, von Robotik-Labors über Rohstoffaufbereitung bis hin zu industrieller Fertigung im All, reduziert Transportabhängigkeiten und legt die Basis für eine eigenständige extraterrestrische Industrie.“
Wie bleibt Europa in diesem Umfeld handlungsfähig?
La Marca: „Technologisch ist Europa bereits sehr stark. Wir liefern z.B. mit dem European Service Module den Antrieb und die Versorgung für die Orion-Kapsel, die schon bald in Richtung Mond aufbrechen und später dort landen wird. Jedoch müssen wir schneller werden – politisch, technologisch und organisatorisch. Wir brauchen klare Prioritäten, verlässliche Investitionen und eine enge Abstimmung zwischen EU, ESA, Industrie und Start-ups.
Träger wie Ariane 6 sind ein wichtiger Baustein, reichen aber nicht aus. Entscheidend ist auch, Programme zu bündeln, Entscheidungsprozesse zu beschleunigen und neue Technologien schneller in Missionen zu bringen. Nur so bleibt Europa unabhängig, souverän und wettbewerbsfähig.“
Welche sicherheitspolitischen Fragen stellt der Mond?
La Marca: „Der cislunare Raum ist längst kein neutraler Bereich mehr. Mit zunehmender Aktivität wachsen Abhängigkeiten, Verwundbarkeiten und Risiken. Die EU reagiert bereits mit dem EU Space Act – ein wichtiger Schritt.
Wer den Mond kontrolliert, steuert Verkehrs- und Datenströme zwischen Erde und Mond. Europa muss Kommunikations- und Navigationssysteme schützen, Cyberangriffe abwehren und einseitige Abhängigkeiten vermeiden.
Der Mond selbst kann Teil der Lösung sein: stabile Standorte sichern die Infrastruktur, bieten robuste Kommunikations- und Erdbeobachtungskapazitäten und verbessern das Lagebild im gesamten Raum.“
Warum zuerst der Mond und nicht der Mars?
La Marca: „Der Mond ist nur 384.000 km entfernt, alles, was wir dort benötigen, muss dorthin transportiert werden. Er ist somit schneller erreichbar, strategisch relevant und eröffnet kurzfristig neue Chancen. Er dient als Testfeld für Technologien, die wir später für den Mars brauchen: Energieversorgung, Robotik, Nutzung lokaler Ressourcen. Wer den Mond erschließt, schafft daher nicht nur ein Testfeld, sondern sichert Europas Führungsrolle und Handlungsfähigkeit im All.“

Als Luft- und Raumfahrt-Ingenieur bringt Guiseppe La Marca langjährige Erfahrung im Aerospace-Sektor mit und verantwortet den Bereich bei MHP. (Foto: MHP)

Der Mond liegt nah genug, um regelmäßig Missionen zu starten, und weit genug, um Technologien unter realen Raumfahrtbedingungen zu testen. (Foto: Adobe Stock)
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