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Fünf Jahre Catena-X: Industrierevolution oder gut gemeinte Dateninitiative?

Interview mit Benedikt Altrichter, Senior Manager im Bereich der Technologiestrategie und der industriellen Datenökosysteme bei MHP

Vor fünf Jahren wurde Catena-X Automotive Network e.V. gegründet und damit der Grundstein für ein Datenökosystem und gemeinsame Standards für den sicheren Datenaustausch in der Automobilindustrie gelegt. Zeit, um über den Status quo zu sprechen. Im Interview mit Rebecca Vlassakidis, Sprecherin bei MHP, erläutert Benedikt Altrichter, Senior Manager im Bereich der Technologiestrategie und der industriellen Datenökosysteme bei MHP, welche Potenziale sich bereits heute realisieren lassen und worauf es beim Einstieg entscheidend ankommt.

Rebecca Vlassakidis: Benedikt, vielen Dank für dieses Interview. Mal Hand aufs Herz. Wie würdest Du den aktuellen Status quo von Catena-X beschreiben? 

Benedikt Altrichter: Ich würde Catena-X aktuell mit dem Aufbau eines Schienennetzes vergleichen – wenn ich diese Analogie bemühen darf: Die Gleise sind weitgehend verlegt, die Bahnhöfe stehen, die technischen Standards sind definiert und die ersten Züge fahren bereits erfolgreich. Das ist ein enormer Fortschritt. Vor wenigen Jahren haben viele noch darüber diskutiert, ob ein solches unternehmensübergreifendes Datenökosystem dieser Größenordnung überhaupt möglich ist.

Rebecca Vlassakidis: Was braucht es, um den Durchbruch zu schaffen?

Benedikt Altrichter: Der eigentliche Durchbruch entsteht jetzt, wenn Unternehmen Catena-X nicht mehr als Technologieprojekt wahrnehmen, sondern als selbstverständlichen Bestandteil ihrer täglichen Zusammenarbeit. Genau an diesem Punkt stehen wir heute. Die Grundlagen sind geschaffen, erste Use Cases liefern messbaren Mehrwert – jetzt geht es darum, die Nutzung in die Breite zu bringen. Das Datenökosystem lebt grundsätzlich von Netzwerkeffekten: Der Mehrwert steigt mit jedem neuen Teilnehmer. Deshalb befinden wir uns aktuell in einer entscheidenden Phase: Es geht darum, aus erfolgreichen Pilotanwendungen eine kritische Masse an produktiven Use Cases zu entwickeln, die einen echten Sogeffekt erzeugen. Dafür braucht es vor allem drei Dinge: einen klaren Business Value für alle Beteiligten, insbesondere für kleine und mittelständische Zulieferer, einfache und standardisierte Zugänge sowie mehr End-to-End-Anwendungsfälle, die den Nutzen entlang der gesamten Wertschöpfungskette sichtbar machen. Wenn dieser Schritt erreicht wird, profitieren OEMs und Zulieferer gleichermaßen: Informationen stehen schneller und standardisiert zur Verfügung, Abstimmungsaufwände sinken und neue datenbasierte Anwendungsfälle – etwa für Nachhaltigkeit, Qualität oder Rückverfolgbarkeit – lassen sich deutlich einfacher umsetzen.

Rebecca Vlassakidis: Welche Vorteile haben die Zulieferer denn ganz konkret von Catena-X oder andersherum gesagt, welches Risiko hätten sie, wenn sie nicht teilnehmen?

Benedikt Altrichter: Ganz einfach gesagt – wer Catena-X ignoriert, spart heute vielleicht Projektkosten, zahlt aber morgen höhere Prozesskosten. Denn ohne gemeinsame Standards muss jede Datenanforderung individuell beantwortet werden. Das kostet Zeit, bindet Personal und erschwert die Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Transparenz, Nachhaltigkeit und Rückverfolgbarkeit. Wer diese Daten dann noch individuell für jeden OEM zusammenstellt, verursacht einen enormen administrativen Aufwand. Mit Catena-X gibt es einen gemeinsamen Standard und einen entscheidenden Vorteil: Daten werden einmal strukturiert bereitgestellt und können von mehreren Geschäftspartnern genutzt werden. Das spart Zeit, reduziert doppelte Arbeit und beschleunigt die Zusammenarbeit. Wer sich dagegen nicht anschließt, wird zwar nicht von heute auf morgen aus Lieferketten ausgeschlossen, aber der Aufwand, Kundenanforderungen zu erfüllen, wird steigen – und damit auch das Risiko, gegenüber besser vernetzten Wettbewerbern ins Hintertreffen zu geraten.

Rebecca Vlassakidis: Viele kritische Stimmen sagen, Catena-X sei kompliziert und komplex. Was sagen die OEMs, die schon länger dabei sind, und die ersten Lieferanten, die angebunden sind?

Benedikt Altrichter: Die OEMs, die von Anfang an dabei sind, bestätigen vor allem eines: Der eigentliche Mehrwert entsteht erst, wenn die Lieferanten angebunden sind. Deshalb verlagert sich der Fokus derzeit von der eigenen Anbindung auf die Skalierung der Lieferkette. 
Der Vorwurf, Catena-X sei kompliziert, war vor einigen Jahren durchaus berechtigt. Wer damals einstieg, musste ein komplexes IT-Projekt stemmen. Inzwischen ist die Situation eine andere. Unternehmen fangen heute nicht mehr bei null an: Mit standardisierten Lösungen und bewährten Onboarding-Ansätzen lässt sich die Anbindung deutlich vereinfachen, bestehende Systeme werden weiter genutzt. Dabei liegt der eigentliche Erfolgsfaktor in den Fachbereichen, denn dort werden zum einen die geschäftlichen Herausforderungen identifiziert und die entsprechenden Anwendungsfälle, die einen Mehrwert realisieren. IT schafft die technische Grundlage, den Nutzen definiert aber das Business. Wie das in der Praxis aussieht, erleben wir gerade bei einem mittelständischen Zulieferer in Deutschland: Als ersten Anwendungsfall setzen wir das Zertifikatsmanagement um. Zertifikate müssen dadurch nicht mehr in zahlreichen Kundenportalen einzeln gepflegt werden. Die ersten produktiven Daten konnten wir innerhalb weniger Tage austauschen. Zertifikatsdaten konnten nicht nur schneller bereitgestellt werden, sondern auch der administrative Aufwand konnte reduziert werden. Gleichzeitig kann der Zulieferer sicher sein, dass jederzeit aktuelle und gültige Zertifikatsdaten vorliegen. Parallel entwickeln wir eine Roadmap, welche weiteren Anwendungsfälle den größten Mehrwert bieten. So setzen wir die Catena-X-Strategie Schritt für Schritt um.

Rebecca Vlassakidis: Denkt man an einen übergreifenden Datenaustausch mit anderen OEMs und Lieferanten, kommt gleich das große Bauchweh nach Sicherheit und Kontrolle. Wie ist Deine Einstellung zu Datensouveränität, Sicherheit und Compliance?

Benedikt Altrichter: Catena-X verfolgt einen klaren Grundsatz: Jedes Unternehmen behält jederzeit die Kontrolle über seine Daten. Es gibt keinen zentralen Datenspeicher, in dem sämtliche Informationen zusammengeführt werden. Stattdessen werden die Daten direkt zwischen den Partnern über standardisierte Konnektoren getauscht. Dabei entscheiden die Teilnehmer selbst, welche Daten sie mit welchen Partnern teilen und für welchen Zweck diese genutzt werden dürfen. Ausgetauscht werden beispielsweise Informationen zu Zertifikaten, Stammdaten, Qualitätsdaten, CO₂-Fußabdrücken oder Kapazitätsdaten. Technische Grundlage dafür sind gemeinsame Standards sowie ein umfassendes Identitäts- und Berechtigungskonzept mit maschinenlesbaren Nutzungsbedingungen. Organisatorisch sorgt ein verbindlicher, kartellrechtskonformer Governance-Rahmen mit zertifizierten Teilnehmern für eine sichere Umgebung, um sensible Daten auszutauschen.

Rebecca Vlassakidis: Wo siehst Du aktuell die größten Hürden für eine flächendeckende Einführung?

Benedikt Altrichter: Eine der größten Hürden ist aus unserer Sicht heute nicht mehr die Technologie – die Grundlagen und Standards sind vorhanden. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, den Mehrwert von Catena-X schnell und nachvollziehbar in die Breite zu tragen. Viele Unternehmen, insbesondere im Mittelstand, stehen vor der Frage: Welchen konkreten Nutzen habe ich von einer Teilnahme und wie schnell amortisiert sich mein Aufwand? Solange Catena-X primär als IT- oder Compliance-Projekt wahrgenommen wird, bleibt die Skalierung begrenzt. Der Fokus muss daher noch stärker auf messbaren Business Outcomes liegen. Eine weitere Hürde ist die Heterogenität der Wertschöpfungskette. OEMs und Tier-1-Zulieferer verfügen häufig bereits über die notwendigen Ressourcen und Datenstrukturen. Für kleinere Unternehmen ist der Einstieg dagegen oft mit organisatorischen, technischen und personellen Herausforderungen verbunden.

Rebecca Vlassakidis: Wie lassen sich diese Herausforderungen lösen? 

Benedikt Altrichter: Hier braucht es möglichst einfache Zugangswege und standardisierte Lösungen. Aktuell gibt es mit dem Data Space Accelerator sogar ein Programm der Europäischen Union und des Bundeswirtschaftsministeriums, das den Einstieg in Catena-X erleichtert und Teilnehmer für einen erfolgreichen produktiven Datenaustausch vergütet. Wer 2026 mit einem kleinen und unkomplizierten Anwendungsfall wie dem Zertifikatsmanagement produktiv in Catena-X startet, erhält pauschal 15.000 Euro. Mit einem zweiten Use Case verdoppelt sich die Summe auf 30.000 Euro. Vergütet wird dabei das Ergebnis in Form von nachgewiesenem Datenaustausch.

Rebecca Vlassakidis: Volkswagen beispielsweise setzt bei der Anbindung ausgewählter Lieferanten auf MHP, Data Core X. Welche Rolle spielen standardisierte Connectivity-Lösungen für den Erfolg von Catena-X?

Benedikt Altrichter: Standardisierte Connectivity-Lösungen sind ein entscheidender Erfolgsfaktor, weil sie die Komplexität der Anbindung erheblich reduzieren. Unternehmen benötigen einen einfachen und verlässlichen Zugang zum Datenraum, ohne sich im Detail mit allen technischen Anforderungen beschäftigen zu müssen. Mit Data Core X stellen wir eine kosteneffiziente, standardisierte Schnittstelle bereit, die zentrale Funktionen wie Identitätsmanagement, sichere Datenübertragung und die Integration ausgewählter Use Cases abdeckt. Dadurch können Unternehmen schneller an Catena-X teilnehmen und sich stärker auf den geschäftlichen Nutzen konzentrieren. Das Setup für den ersten produktiven Datenaustausch erfolgt somit in weniger als einem Tag und erfüllt gleichzeitig die Sicherheits- und Qualitätsanforderungen der OEMs.

Rebecca Vlassakidis: Wie wird sich Catena-X in den kommenden Jahren entwickeln und welche Rolle spielen dabei Initiativen wie Factory-X, Chem-X oder Aerospace-X?

Benedikt Altrichter: Catena-X hat das Potenzial, als Blaupause für weitere industrielle Datenökosysteme zu dienen. Mit Initiativen wie Chem-X entsteht derzeit ein übergreifender Rahmen, um die Prinzipien von Datensouveränität, Interoperabilität und standardisiertem Datenaustausch auf weitere Branchen und Anwendungsfelder zu übertragen. Langfristig werden wir eine stärkere Vernetzung verschiedener Datenräume sehen. Dadurch entstehen neue Möglichkeiten für unternehmensübergreifende Zusammenarbeit, resiliente Lieferketten und datenbasierte Innovationen. Catena-X nimmt dabei eine wichtige Vorreiterrolle ein und liefert wertvolle Erfahrungen für die Entwicklung zukünftiger Ökosysteme. Kurz und knapp zusammengefasst: Catena-X ist für uns die erste große Hauptstrecke. Factory-X, Chem-X oder Aerospace-X erweitern daraus Schritt für Schritt ein europäisches Industrie-Netzwerk. Der langfristige Erfolg liegt nicht in einzelnen Datenräumen, sondern in ihrer nahtlosen Verbindung.

Rebecca Vlassakidis: Woran werden wir in fünf Jahren erkennen, ob Catena-X wirklich erfolgreich war?

Benedikt Altrichter: Wenn wir bei der Metapher des Schienennetzes bleiben, dann werden wir den Erfolg von Catena-X in fünf Jahren daran erkennen, dass niemand mehr über die Schienen spricht. Heute diskutieren wir noch über Standards, Datenräume und Konnektoren. In fünf Jahren sollte der Datenaustausch so selbstverständlich sein, dass Unternehmen nur noch über die Ergebnisse sprechen. Erfolgreich ist Catena-X dann, wenn Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette sicher und standardisiert fließen und daraus ein messbarer Nutzen entsteht: resiliente Lieferketten, schnelle Reaktionszeiten, effiziente Prozesse, belastbare Nachhaltigkeitsnachweise und neue datenbasierte Geschäftsmodelle. Dann ist Catena-X keine Initiative mehr, sondern gelebter Industriestandard. Kurz gesagt: Der Erfolg zeigt sich nicht im Netzwerk selbst, sondern in den Ergebnissen, die es ermöglicht.
 

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