Vertrauen ist die Schnittmenge aus Kompetenz und Ethik

Derzeit entwickelt sich Corporate Digital Responsibility (CDR) zu einer relevanten Ergänzung zur Corporate Social Responsibility (CSR). Das findet vor dem Hintergrund einer Debatte statt, die vor allem auf die möglichen Risiken und negativen Folgen der Digitalisierung hinweist. Das ist insbesondere angesichts der rasanten Entwicklung bei der Künstlichen Intelligenz von hoher Wichtigkeit und Dringlichkeit. Nichtsdestotrotz sollte die Ambivalenz beim Thema Digitale Verantwortung genauer betrachtet werden. Ganz nach dem Motto „Kein Schatten ohne Licht“ gilt es, die richtige Balance zu finden und die Trade-offs der Digitalisierung zu managen. Das Spektrum der Kritik an der Digitalisierung ist dabei so groß wie die offenen Fragen komplex sind. Eins haben aber alle aufgeworfenen Desaster-Szenarien gemeinsam – sei es das Trolley-Problem beim autonomen Fahren, die Diskriminierung durch in Algorithmen manifestierte Bias in oder die Bedrohung von Jobs durch AI. Es geht um Vertrauen. Und zwar um das aller Stakeholder. Denn die Naivität in der digitalen Welt weicht mehr und mehr einem Bewusstsein für die eigene Vulnerabilität und dem Wunsch nach eigener digitaler Souveränität. Sind Daten das Öl von heute, so wird immer deutlicher, dass Vertrauen ein wesentlicher Bestandteil des Raffinierungsprozesses wird.

Wenn das Vertrauen abnimmt

Leider geht der zunehmende Wunsch nach Vertrauen mit einem empirisch nachvollziehbaren Verlust an Vertrauen einher. Laut dem „Edelman Trust Report 2020“ schätzen die Deutschen keine Institution (Regierung und Wirtschaft) als kompetent und ethisch zugleich ein. Unglücklicherweise konstituieren diese beiden Dimensionen Vertrauen – jedenfalls argumentiert Edelman in dieser Weise. Richtig problematisch wird es mit dem Blick auf eine weitere Edelman Studie: „Made in Germany in Gefahr?“. Demnach haben nur noch 38 Prozent (minus 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) der Amerikaner und 46 Prozent (minus 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) der Franzosen Vertrauen in das einstige Qualitätssiegel. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2019, die Auswirkungen des Wirecard-Fiaskos sind also noch gar nicht mit eingerechnet.

Diese Entwicklung ist gleich zweifach katastrophal: Zum einem aus der Sicht einer der führenden Exportnationen, weil es damit auf wichtigen Märkten schwieriger wird. Zum anderen aus der Sicht der Optimisten, die glaubten und hofften, im Machtkampf zwischen den USA und China um die digitale Vorherrschaft doch noch eine Rolle spielen zu können. Eines der derzeit wenigen Pfunde, die wir aus europäischer Sicht in die digitale Waagschale werfen können, ist Vertrauen.

Kompetenz und Ethik als Wettbewerbsvorteil

Digitale Ethik, die auf die Befürchtungen von Verbrauchern und Gesellschaft eingeht, hat das Zeug zu einem echten Wettbewerbsvorteil, zu einem Qualitätsmerkmal für Kompetenz und Ethik. „AI: Made in Germany/Europe“. Um dies zu erreichen und

Vertrauen zurückzugewinnen, muss noch einiges geschehen. So ist es zwar zu begrüßen, dass es mittlerweile an Empfehlungen und Richtlinien hinsichtlich einer Digitalen Ethik nicht mangelt. Bei der Umsetzung ist aber noch nicht viel passiert. Wenn wir ein Virtue Signalling verhindern wollen, im CSR-Bereich als Green- und Bluewashing bekannt, darf das so nicht bleiben. Deshalb sollten Unternehmen ihre Governance-Strukturen und -Rollen überdenken. Sowohl Sustainability als auch Digital Responsibility sind zwar mittlerweile auch auf C-Level-Ebene ein Thema. Sie sind aber nicht wie andere Gebiete entsprechend verankert. Die Gestaltung und Umsetzung beider Themen ist oft genug nicht klar umrissen, definiert oder positioniert. Folgende Grafik mag sich als Denkanstoß eignen.


Einige Unternehmen haben dies erkannt und so gibt es einen deutlichen Trend, diese Gebiete organisatorisch neu zu etablieren und mit entsprechenden Kompetenzen durch Rollen wie die eines Chief Ethics Officer oder Chief Trust Officer auszustatten. Ein klares Signal sowohl nach außen als auch nach innen in das Unternehmen. Die konkrete Ausgestaltung und Benennung der Rollen kann hierbei sicherlich noch diskutiert werden. Soll aber Corporate Responsibility als Klammer für die analoge und digitale Unternehmenswelt die bestehenden Risiken vermindern und das volle unternehmerische Potenzial ausschöpfen, muss es zu einer wie auch immer gearteten organisatorischen Manifestation kommen.

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Veröffentlicht am: 24.09.2020
Autor: Marcus Schüler

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Marcus Schüler
Associated Partner bei MHP

Ein “Better Tomorrow” geht nicht ohne...:
den Willen Verantwortung über das notwendige Maß hinaus zu übernehmen und die Erkenntnis, dass es keine einfachen Kausalketten gibt, sondern wir in Systemen leben und auch so denken müssen. Etwas weniger „ich“, dafür etwas mehr „wir“; etwas weniger „jetzt“, dafür etwas mehr „morgen“, etwas weniger Hedonismus, dafür etwas mehr Stoizismus und dann könnte das auch mit dem besseren Morgen funktionieren.

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